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Geschichte der IT

2.1 Wie der Begriff „Information“ entstand

Die Geschichte der IT beginnt nicht mit dem Mikroprozessor, sondern mit dem Begriff der Information. Erst in den 1940er-Jahren setzte sich die Vorstellung durch, Information als eigenständiges wissenschaftliches Konzept zu verstehen. Die Biologie suchte nach dem Bauplan des Lebens, während die Nachrichtentechnik untersuchte, wie Informationen trotz Störungen zuverlässig übertragen werden können.

[Draft: Zusatzabschnitt]

2.2 Technische Bausteine

Norbert Wiener begründete die Kybernetik. Claude Shannon schuf 1948 die mathematische Informationstheorie. John von Neumann entwickelte die Rechnerarchitektur, auf der Computer bis heute beruhen. Konrad Zuse baute mit dem Z3 den ersten funktionsfähigen Computer; sein Z4 war 1949 der erste kommerziell ausgelieferte Rechner.

Den entscheidenden technologischen Durchbruch brachte der Transistor, den John Bardeen, Walter Brattain und William Shockley 1947 entwickelten. Er ersetzte die störungsanfälligen Elektronenröhren. Der Transistor wurde ermöglichte integrierte Schaltkreise und später Mikroprozessoren.

Auf diesem Fundament konnte die Informationstechnologie ab den 1980er-Jahren ihr rasantes Wachstum entwickeln.

2.3 Zeitlicher Überflug: 1980—2026

1980er: Der Computer als Produkt; Reflexion über Freiheit. Zu Beginn der 1980er-Jahre prägen IBM-Mainframes und proprietäre Systeme die IT. 1981 bringt IBM den Personal Computer auf den Markt. Microsoft liefert mit MS-DOS das Betriebssystem. Damit verteilt sich die Kontrolle neu: IBM prägt die Hardware, Microsoft das Betriebssystem. 1983 stellt das ARPANET auf TCP/IP um. Dies gilt als technischer Beginn des Internets (Vernetzung von Computern).

Ebenfalls im Jahr 1983 entwickelt das deutsche Bundesverfassungsgericht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. 1984 startet Richard Stallman das GNU-Projekt als Gegenbewegung zu proprietärer Software. 1989 formuliert Tim Berners-Lee die Idee des World Wide Web (Vernetzung von Dokumenten: «Webseiten»).

1990er: Das Internet wird zum Wirtschaftsraum 1991 veröffentlicht Linus Torvalds den Linux-Kernel. Ab 1993 macht der Browser Mosaic das Web massentauglich. Danach entstehen Netscape, Amazon, eBay und Google. Ebenfalls 1993 erlässt die EG die erste Datenschutzrichtlinie. 1998 etabliert sich der Begriff «Open Source». Gleichzeitig schafft der Digital Millennium Copyright Act (DMCA) mit dem Notice-and-Takedown-Verfahren eine wichtige Grundlage für die spätere Plattformwirtschaft, die uns heute prägt. Die ICANN organisiert die internationale Verwaltung von Domainnamen.

2000er: Das Web wird zur Plattform Der Dotcom-Crash zeigt, dass nicht das Web gescheitert ist, sondern viele frühe Geschäftsmodelle. Ab 2004 erstellen Nutzerinnen und Nutzer Inhalte selbst (Web 2.0, ermöglicht dank dem DMCA). Plattformen wie Facebook und YouTube gewinnen dadurch an Bedeutung. 2006 machen Amazon S3 und EC2 Rechenleistung und Speicherplatz als Cloud-Dienste verfügbar. Mit dem iPhone und dem App Store verlagern sich Anwendungen ab 2007 in kontrollierte mobile Plattformen. 2008 zeigt Bitcoin, wie sich digitale Transaktionen ohne zentrale Vertrauensinstanz organisieren lassen. «Plattform» als Phänomen bedeutet: Untere Schichten werden industrialisiert, d.h. «Selbermachen» lohnt kaum noch, auf oberen Schichten wird Energie frei, was Schöpfung und Koordination durch den Anwender selbst erlaubt.

2010er: Daten und lernende Systeme 2012 markiert AlexNet den Durchbruch des Deep Learning. Gleichzeitig etablieren sich Airbnb und Uber als Plattformen der Sharing Economy. Eigentum lässt sich atomisieren und in den «Long Tail» vermitteln, ebenso Nutzungszeit. Es ist eine zweite Welle der Aufsplittung einer formal-rechtlichen Rechtsposition. Das hatte es zuvor im mittelalterlichen England gegeben, allerdings in Bezug auf Grundeigentum (Proprietor und Beneficial Owner). 2015 erweitert Ethereum die Blockchain um Smart Contracts. Systeme können Information nicht nur statisch speichern, sondern in Form von Abläufen organisieren, und zwar über Protokolle. Es entsteht die Hoffnung, Information doch «endlich» eigentumsartig beherrschen zu können. Es ist viel Geld verfügbar und blockchain-basierte Anwendungen werden zu Spekulationsvehikeln. 2017 schafft die Transformer-Architektur die technische Grundlage heutiger Sprachmodelle. 2018 tritt die DSGVO vollständig in Kraft.

2020er: Generative und handelnde KI 2022 erreicht generative KI mit ChatGPT den Massenmarkt. 2024 tritt der EU AI Act in Kraft. Seit 2025 rücken agentische Systeme in den Vordergrund. Sie erzeugen nicht nur Inhalte, sondern führen selbständig Aufgaben aus. Damit stellt sich die Kontrollfrage neu: Wer beherrscht Rechenleistung, Chips, Trainingsdaten und Modellgewichte? Die Entwicklung lässt sich in sieben Plattformgenerationen zusammenfassen. Jede Generation besitzt einen eigenen Kontrollpunkt. Dort entscheidet sich, wer die technische und wirtschaftliche Macht ausübt.

Epoche Plattform-Typ Kontrollpunkt
1960 - 70er Mainframe Hardware + Betriebssystem
1980er PC Betriebssystem
1990er Internet / Web Protokoll + Browser + Suche
2000er Web 2.0 Daten + soziale Graphen
2006 - 2020 Cloud / Mobile Infrastruktur + App Store
2000 - 2022 Blockchain / Web3 Protokoll + Token
2017 - 2026 Foundation Models / KI Compute + Daten +
Modell + Agent
2025 - ? Quantum Computing TBD

2.4 Sieben Linien derselben Geschichte

Im Kern geht es im Laufe der Entwicklung immer um dieselbe Frage: Wer kontrolliert den Code, die Infrastruktur und die Daten? Wer entscheide über Zugang? Wer kontrolliert Information? Wer setzt die Regeln? Wer kennt die Identitäten?

Die Antwort verschiebt sich mit jeder technologischen Entwicklung. Neue Technologien schaffen neue Formen von Zugriff, Verwertung und Löschung. Das Recht folgt diesen Verschiebungen und versucht, die Kontrolle stets neu zu ordnen.

Die folgenden sieben Themenlinien zeigen deshalb nicht einzelne technische Innovationen. Sie zeigen, wie sich Kontrolle über Information im Laufe der Zeit verändert hat und weshalb diese Veränderungen das heutige IT-Recht prägen.

Geopolitischer und ökonomischer Rahmen

Die moderne IT entstand vor allem in den USA. Staatliche Forschung, Unternehmen wie IBM und die Bell Laboratories sowie militärische Programme schufen dafür die Grundlage. Ab den 1980er-Jahren öffnete die Deregulierung der Telekommunikationsmärkte den Wettbewerb. Neue Schnittstellen, Anbieter und Plattformen entstanden. In den 2010er-Jahren konzentrierte sich die digitale Wirtschaft erneut auf wenige globale Unternehmen. Seit den 2020er-Jahren rückt die staatliche Kontrolle über Schlüsseltechnologien stärker in den Vordergrund. Entscheidend sind heute Rechenleistung, Halbleiter und Modellgewichte. Sie bestimmen zunehmend die technologische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit eines Staates.

Architektonische Pfadabhängigkeiten

Viele Grundlagen der heutigen IT stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren. UNIX entstand 1969 in den Bell Laboratories und wurde später in der Programmiersprache C neu geschrieben. Dadurch liess es sich auf unterschiedlicher Hardware einsetzen. Aus UNIX entwickelten sich unter anderem BSD und Linux. Diese Systeme prägen Server, mobile Geräte und Cloud-Plattformen bis heute.

Auch zentrale Standards stammen aus dieser Zeit. Dazu gehören POSIX für die Kommunikation mit Betriebssystemen und Berkeley Sockets für Netzwerkverbindungen. Selbst moderne Technologien wie Docker und Kubernetes bauen auf dem UNIX-Grundsatz auf, Systemressourcen einheitlich zu behandeln. Die Technik entwickelt sich weiter. Ihre grundlegenden Strukturen bleiben erstaunlich beständig.

Evolution der Vernetzungsebenen

Das Internet verbindet immer mehr Ebenen. Zunächst vernetzten ARPANET und TCP/IP einzelne Computer. Das World Wide Web verband später Dokumente über Links. Das Semantic Web machte auch Daten maschinenlesbar und schuf damit eine Grundlage für moderne Such- und RAG-Systeme. Mit dem Web 2.0 vernetzten Plattformen schliesslich Menschen und deren Inhalte. Bitcoin und Ethereum erweiterten dieses Prinzip auf digitale Werte und Transaktionen. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Gleichzeitig verschiebt sich die Kontrolle: vom Netzwerk über Inhalte und Daten bis zu Plattformen und digitalen Vermögenswerten.

Rechtliche und normative Leitplanken

Mit jeder technologischen Entwicklung entstanden neue rechtliche Fragen. Das Urheberrecht musste klären, wie Software geschützt wird. Das Datenschutzrecht reagierte auf die wachsende Macht der automatisierten Datenverarbeitung. Für Plattformen entstanden Regeln zum Umgang mit rechtswidrigen Inhalten Dritter. Creative Commons schuf standardisierte Lizenzen für offene Inhalte. Seit 2024 bildet der EU AI Act einen risikobasierten Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz. Dieses Buch zeigt, dass das Informationsrecht handlungsfähig macht, schon bevor es legiferiert wird, Ausnahmen – wo der Markt ansonsten versagt – vorbehalten. Wo der Gesetzgeber eingreift, sollte er sich am Informationsrecht und seinen Grundzügen orientieren, damit wirtschaftlicher Wohlstand nicht durch unklares Recht gebremst wird.

Fokus

Urheberrecht Das Urheberrecht steht im Zentrum der Debatte, wenn die Technik einen grossen Schritt macht. Das war mit dem Aufkommen der Druckerpresse der Fall, ebenso mit Aufkommen des World Wide Web (DMCA als Reaktion). Auch heute, im Umfeld von KI, wird Urheberrecht wieder engagiert besprochen. Es ist Gradmesser dafür, dass ein grosser technologischer Umbruch im Gang ist.

Künstliche Intelligenz: von Regeln zu Agenten

Die Geschichte der KI beginnt lange vor ChatGPT. Frühe Systeme arbeiteten mit festen Regeln. Ab den 1990er-Jahren setzten sich statistische Methoden durch. 2012 gelang mit tiefen neuronalen Netzen der Durchbruch des Deep Learning. Seit 2017 bildet die Transformer-Architektur die Grundlage moderner Sprachmodelle. Ab 2022 erreichte generative KI den Massenmarkt. Heute rücken autonome KI-Agenten in den Vordergrund. Sie erzeugen nicht nur Inhalte, sondern führen selbständig Aufgaben aus. Damit verändert sich auch die Rechtsfrage: KI ist nicht mehr nur ein Werkzeug. Sie kann Handlungen auslösen, die einem Menschen oder Unternehmen zugerechnet werden müssen.

Fokus

Persönlichkeit für die Maschine? – ein Irrläufer! Dass Maschinen Persönlichkeit erhalten sollen, ist ein Reflex, der meist von Enthusiasten geäussert wird. Man habe schon dem Konzept «Körperschaft» Rechtspersönlichkeit gegeben, warum nicht auch dem Roboter? – Maschinen sollen keine Rechtspersönlichkeit haben, solange das Recht dazu dient, eine Gesellschaft, die sich aus Menschen zusammensetzt, zu verbessern. Grundlegende Konzepte wie Haftung würden sonst ins Leere laufen. Körperschaften dienen der Organisation von Menschen. Wenn Kontrolle ein Ziel ist, soll die Maschine nicht zum Akteur werden.

Transformation der Ordnungsmodelle

Die Geschichte der IT ist eine Geschichte von Kontrolle. Der Gegenstand, über den Kontrolle ausgeübt wird, hat sich stets verändert: vom Mainframe zum PC, vom Netzwerk zum Web, von Plattformen zur Cloud und heute zur künstlichen Intelligenz. Jede Technologiegeneration verschiebt den Kontrollpunkt an eine neue Stelle. Open Source reagierte auf die Kontrolle über Software. Blockchain auf die Kontrolle über digitale Werte. Generative KI stellt die bisher weitreichendste Frage: Wer kontrolliert die Fähigkeit, Informationen zu erzeugen und auf ihrer Grundlage zu handeln?

Zyklen der Kontrolle

Die Geschichte der IT verläuft nicht geradlinig. Sie bewegt sich zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung. Auf zentrale Mainframes folgten der PC, das offene Internet und Open Source. Danach verlagerte sich die Kontrolle erneut zu Plattformen und Cloud-Anbietern. Blockchain versuchte, diese Entwicklung umzukehren, stiess jedoch rasch an technische und wirtschaftliche Grenzen. Mit der künstlichen Intelligenz setzt sich die Re-Zentralisierung fort. Der Betrieb moderner KI-Systeme erfordert enorme Rechenleistung, spezialisierte Chips und hohe Investitionen. Trotz all dieser Veränderungen bleibt das technische Fundament erstaunlich stabil. Viele Grundkonzepte moderner IT wurden bereits vor Jahrzehnten entwickelt. Auch Cloud-Plattformen und KI-Systeme bauen noch heute auf diesen Grundlagen auf. KI ersetzt die bestehende IT daher nicht. Sie ist die nächste Entwicklungsstufe derselben Infrastruktur.

2.5 Bedeutung für dieses Buch

Die Entwicklungslinien zeigen ein wiederkehrendes Muster. Die Technik verändert sich. Die zentrale Frage bleibt dieselbe: Wer hat Zugriff auf Informationen? Wer darf sie nutzen? Und wer kann sie löschen? Diese Frage bildet den roten Faden dieses Buches. Die folgenden Kapitel beleuchten sie aus rechtlicher Sicht. Der historische Überblick ist technischer und gesellschaftlicher Kontext.